White Box

Ein Dokumentarfilm zur Situation: White Box

Momentaufnahmen aus Löbau im Internationalen Programm von DOK Leipzig

Nach der Einführung von Hartz IV schaffte es die sächsische Kleinstadt Löbau ein paar Tage lang in den Fokus der Medienberichterstattung.

Fernsehteams gaben sich plötzlich in dem kleinen Löbauer Plattenbauviertel die Klinke in die Hand, um eine bürokratische Absurdität zu dokumentieren, die so unglaublich schien, dass es fast wie ein Schildbürgerstreich aussah.

Man hatte begonnen, all den Leuten, deren Wohnfläche nach der neuen Sozialgesetzgebung zu groß war, um staatliche Unterstützung zu rechtfertigen, kurzerhand ein Zimmer zuzuschließen. Statt diverse Familien zum Umzug zu zwingen, machte man einfach einen neuen Mietvertrag mit deutlich verminderter Wohnfläche. Eine pragmatische Lösung, die zwar einen unglaublich unangenehmen Nachgeschmack hatte, in Löbau aber ganz schnell zur Normalität geworden war.

Als sich die Wellen in Löbau längst wieder gelegt hatten, bezog die Leipziger Filmemacherin Susanne Schulz mit ihrem Team und ihrer damals drei Monate alten Tochter eine Musterwohnung in Löbau-Ost. Über zwei Jahre kamen sie regelmäßig, um herauszufinden, was es für unsere Gesellschaft bedeutet, wenn Menschen gezwungen werden, einzelne Zimmer in ihrer Wohnung zu verschließen.

Was zunächst als absurder Auswuchs einer regelwütigen Bürokratie den Auslöser bot, einen Film zu drehen, mündete schließlich in einer sehr persönlichen Auseinandersetzung. Susanne Schulz verlässt den Standpunkt der unangreifbaren Regisseurin und bringt ihre eigene prekäre Situation als Nachwuchskünstlerin ins Spiel.

Sie trifft ein paar Mädchen, Kinder von Spätaussiedlern wie so viele in Löbau. Diesen Jugendlichen scheint der Traum von Amerika näher zu sein als ihre sächsische Realität: „Ich dachte, in Deutschland ist es so wie in Hollywood...“. Doch der Alltag spielt sich allabendlich in einem holzgetäfelten Jugendclub ab, wo die Tanzfläche oft leer bleibt.

Auch das Zimmer der 15-jährigen Julia ist seit einiger Zeit zu, sie schläft jetzt mit ihrer Mutter im selben Raum. Bisher hat sie mit ihren Freundinnen nicht viel darüber gesprochen. Am liebsten will sie Sängerin werden und dass sie Talent hat, kann man hören und sehen. Ihre Oma rät jedoch zum Jurastudium, ihre Freundin schlägt vor, sie solle es mit Kosmetikerin versuchen: „Das braucht jeder jetzt in dieser Zeit.“

Es sind Dialoge wie dieser, die die Stimmung des Filmes am besten zusammenfassen: lakonisch, unsentimental und nachdenklich. Wie richtet man sich ein in einer Gesellschaft, wenn man nicht zu den vermeintlichen Gewinnern gehört?

Die ältere Generation, die im Film zu Wort kommt, hängt an den Idealen einer längst vergangenen Epoche. Joachim Herrmann, der als Arbeitslosenkreisverbandsvorsitzender die Idee zur so genannten Aktion „Zimmer-Zu“ hatte, ist seit langem erwerbslos, aber nicht arbeitslos, denn Arbeit schafft er sich schon selbst und versucht verzweifelt, mit einem „Strukturgramm“, die gewohnte Ordnung seines Lebens zu erhalten, auch 20 Jahre nach der Wende, die für ihn alles veränderte. Er steht für eine ganze Generation.

Löbau ist keine Ausnahme, sondern kämpft wie viele kleinere Städte, vor allem im Osten Deutschlands, mit den viel besprochenen Problemen: keine Industrie, keine Arbeit, Überalterung. Wer was werden will, geht weg.

Städten wie Löbau fehlt das, was auch ihre Bewohner häufig vergebens suchen: eine gemeinsame Geschichte, ein Glauben an sich selbst und das Gefühl von Heimat.

Doch wie soll ein Gefühl von Heimat entstehen, wenn plötzlich ein Zimmer der eigenen Wohnung zur terra incognita gemacht wird? Der Titel „White Box“ spielt darauf an, dass solche staatlich verordneten Leerflächen nicht nur unangenehme Eingriffe ins Privatleben jedes Einzelnen sind, sondern dass man sie auch als neu zu bespielende Leerflächen sehen kann, die nur darauf warten, gefüllt zu werden.

Am Ende sind es die Geschichten und Anekdoten der Bewohner Löbaus, die die leeren Zimmer füllen. Susanne Schulzes ruhiger, sehr unprätentiöser Blick nimmt die Menschen hinter der Schlagzeile wahr, lässt sich die Zeit, die es nun mal braucht, um Vertrauen aufzubauen. Filme wie „White Box“ können das oft stigmatisierte Bild des „typischen“ Hartz-IV-Empfängers zurecht rücken und einladen, sich einzulassen auf die Auseinandersetzung mit dem guten alten Pragmatismus, der in Löbau längst die „neue Armut“ abgelöst hat.

— Luc-Carolin Ziemann